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Glossar

Video-Reparatur-Begriffe
präzise erklärt.

Von moov-Atom über NAL-Units bis Dolby Vision RPU — alle Begriffe, die in unseren Anleitungen vorkommen, mit Definition, Kontext und Verweisen auf vertiefende Artikel.

Kategorie · 5 Einträge

Container & Strukturen

moov-Atom

Der Index einer MP4-Datei. Enthält Codec-Parameter, Sample-Tabelle und Timing-Informationen.

Ohne moov-Atom kann kein Player auch nur einen Frame decodieren — selbst wenn alle Roh-Daten im mdat noch da sind. Bei abgebrochenen Aufnahmen fehlt das moov-Atom in ~70% der Fälle, weil es vom Encoder erst am sauberen Ende der Aufnahme geschrieben wird.

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mdat-Atom

Der eigentliche Video- und Audio-Datenblock einer MP4-Datei.

Im mdat-Atom liegen alle Roh-Frames und Audio-Samples sequenziell hintereinander. Es ist typischerweise 99% der Dateigröße. Die Sample-Tabelle im moov-Atom verweist mit Byte-Offsets auf einzelne Frames im mdat. Bei den meisten "kaputten" Videos ist der mdat-Block intakt — nur der Index fehlt.

ftyp-Atom

Die File-Type-Signatur am Anfang jeder MP4-/MOV-Datei.

Das ftyp-Atom enthält den Major-Brand (z.B. "mp42", "isom", "qt "), die Minor-Version und kompatible Brands. Decoder lesen das zuerst — wenn es fehlt, geben viele Player sofort auf. Bei DiskDrill-Recovery-Files kann das ftyp aus einem fremden Sektor stammen und falsche Brand-Bytes haben.

Sample-Tabelle

Tabelle im moov-Atom mit Offsets und Längen aller Frames und Audio-Samples.

Die Sample-Tabelle besteht aus mehreren Sub-Atomen (stts für Decode-Times, stss für Keyframes, stsc für Sample-To-Chunk-Mapping, stsz für Sample-Sizes, stco für Chunk-Offsets im File). Sie ist die zentrale Datenstruktur, die der Decoder zum Seeken, Decodieren und Synchronisieren braucht. Bei der Reparatur muss sie aus den NAL-Units des mdat-Blocks rekonstruiert werden.

MOV-Container

Apples QuickTime-Format. Technisch nahezu identisch zu MP4 — beide basieren auf ISO BMFF.

MOV ist 1991 von Apple definiert worden, MP4 (1998) basiert direkt darauf. Beide nutzen dieselben Top-Level-Atomes (ftyp, moov, mdat, trak, etc.). MOV erlaubt mehr proprietäre Codecs (ProRes, Animation), MP4 ist restriktiver. Für Reparatur-Tools sind sie meist austauschbar — der Container-Repair-Code ist gleich.

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Kategorie · 12 Einträge

Codecs & Streams

NAL-Unit

Network Abstraction Layer Unit — die kleinste codierte Einheit in H.264 und HEVC.

Jeder Video-Frame besteht aus einer oder mehreren NAL-Units. Sie sind durch Startcodes (0x00 00 00 01) im Annex-B-Format oder length-prefixed im MP4-Format markiert. NAL-Types unterscheiden zwischen IDR-Frames (Keyframes), P/B-Frames, SPS, PPS und (bei HEVC) VPS. Reparatur-Tools scannen den mdat-Block nach NAL-Boundaries, um Frame-Grenzen zu finden, wenn die Sample-Tabelle fehlt.

SPS (Sequence Parameter Set)

NAL-Unit-Type 7 (H.264) / 33 (HEVC) — definiert Stream-Parameter wie Auflösung, Profile, Level.

Das SPS muss vor dem ersten Frame decodiert werden. Es enthält Auflösung, Bit-Depth, Chroma-Format (4:2:0, 4:2:2, 4:4:4), Profile (Baseline, Main, Main 10, High) und Level (Frame-Rate-Limits). Bei der Reparatur muss das SPS entweder aus dem Bitstream extrahiert oder aus einer Referenz-Aufnahme übernommen werden.

IDR-Frame

Instantaneous Decoder Refresh — ein Keyframe, der unabhängig von Vorgänger-Frames decodiert werden kann.

IDR-Frames sind die Sync-Points im Video-Stream. Jede Aufnahme beginnt mit einem IDR. Beim Seeken springt der Decoder zum nächsten IDR und beginnt von dort die Decodierung. Bei der Reparatur ist der erste IDR der Anker für die gesamte Frame-Tabelle.

XAVC

Sonys H.264-/H.265-Variante für Profi-Kameras. Drei Sub-Klassen: XAVC-I (Intra), XAVC-L (Long-GOP), XAVC-S.

XAVC-I codiert jeden Frame als Intra-Frame (keine Inter-Frame-Compression) — bis 600 Mbit/s. XAVC-L nutzt GOP-Compression, ist effizienter aber komplexer zu reparieren. XAVC-S ist die Consumer-Variante in A7-Modellen. Die Bitrate-Class (240, 480) ist kritisch für die Reparatur — Profile 5.1 und 5.2 sind nicht austauschbar.

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Apple ProRes

Apples Intra-Frame-Codec für Editing — 422 Proxy bis 4444 XQ in MOV-Container.

ProRes-Varianten (Proxy, LT, 422, 422 HQ, 4444, 4444 XQ) unterscheiden sich in Bitrate und Color-Depth. ProRes 4444 unterstützt Alpha-Channel. Alle ProRes-Varianten leben in MOV-Container — ein Remux nach MP4 ist nicht standard-konform, weil MP4 ProRes nicht offiziell als Codec listet.

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HEVC / H.265

High Efficiency Video Coding — Nachfolger von H.264 mit ~50% besserer Kompression bei gleicher Qualität.

HEVC ist seit 2013 standardisiert. Profile reichen von Main (8-bit 4:2:0) bis Main 10 / Main 4:2:2 (Profi). Wird in MP4 mit hvcC-Box konfiguriert. Reparatur ist schwieriger als bei H.264 wegen length-prefixed NAL-Units und strikterer Decoder. Bei Sony FX-Serie, iPhone Pro, GoPro HERO11+, DJI Avata 2 ist HEVC Standard.

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Dolby Vision

HDR-Standard mit dynamischen Metadaten — auf iPhone Pro als Profile 8.4 in HEVC.

Dolby Vision speichert dynamische Tone-Mapping-Metadaten (RPU) in eigenen NAL-Units pro Frame. Profile 8.4 (iPhone Cinematic Mode) ist abwärtskompatibel zu HDR10 (statische Metadata). Bei beschädigten Files mit verlorenen DV-RPU-Streams fällt der Decoder auf SDR-Fallback zurück — Bild sieht flach aus.

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HDR10

High-Dynamic-Range-Standard mit statischen Mastering-Metadaten (MaxCLL, MaxFALL).

HDR10 nutzt BT.2020 Color-Primaries und PQ (Perceptual Quantizer) als Transfer-Function. Die Mastering-Display-Metadata (Max Content Light Level, Max Frame Average) werden einmal im Container gespeichert — anders als bei Dolby Vision, das pro-Frame Metadata hat. Bei der Reparatur müssen diese Metadata aus einer Referenz übernommen werden.

BT.2020

Wide-Color-Gamut für UHD und HDR — 75% des sichtbaren Farbraums vs ~36% bei BT.709.

BT.2020 (ITU-R Rec. 2020) ist der Color-Space-Standard für 4K, 8K und HDR. Wird in der VUI (Video Usability Information) des Bitstreams als colour_primaries=9 markiert. Wenn diese Information bei der Reparatur verloren geht, wird das Material als BT.709 interpretiert — Farben sind dann zu stark gesättigt.

Kategorie · 3 Einträge

Audio

Audio-Drift

Zeitversatz zwischen Audio- und Video-Track nach Container-Reparatur, typisch 300–800ms.

Tritt vor allem bei Sony XAVC mit 24-bit PCM auf, weil der Audio-Stream einen Pre-Roll vor dem ersten Video-Frame hat. Untrunc und ähnliche Tools liefern die Datei mit unkorrigiertem Pre-Roll ab. Spezialisierte Tools messen die Drift via Cross-Korrelation mit der Referenz und verschieben den Audio-Track entsprechend.

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Noise-Burst

Ohrenbetäubendes Vollausschlag-Clipping in den ersten 400–1050ms nach Reparatur.

Entsteht, wenn der Audio-Decoder Container-Header-Bytes oder Video-Bytes als Audio interpretiert. Bei vielen Sony- und Canon-Files tritt das vorhersagbar auf. Die Korrektur: Per-50ms-Window Peak-Scan jeder Spur — alles über −3dB im ersten Sekunde wird als Burst markiert und gestillt (mit Padding für Übergang).

iPCM (interleaved PCM)

Sonys 24-bit-PCM-Audio-Variante in XAVC. Multi-Track-fähig (bis 4 Spuren parallel bei FX3).

iPCM ist unkomprimiertes Audio, gut für Profi-Audio-Recording (XLR-Eingänge). Bei der Reparatur ist iPCM einfacher zu rekonstruieren als komprimiertes AAC, weil keine Codec-Frames decodiert werden müssen. Sony FX3, FX6 und FX9 nutzen iPCM mit bis zu 4 Spuren parallel.

Kategorie · 6 Einträge

Recovery & Reparatur

untrunc

Open-Source-CLI-Tool für MP4-Reparatur. Braucht eine Referenz-Aufnahme der gleichen Kamera.

untrunc-anthwlock auf GitHub ist die maintained Fork. Funktioniert gut bei H.264, weniger zuverlässig bei HEVC 10-bit. Wichtig: -s Flag (skip unknown sequences) bei Sony XAVC mit iPCM. Kein Audio-Drift-Fix, kein moderner Codec-Support.

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ffmpeg

Multimedia-Toolkit. Kann beschädigte Frames überspringen, aber nicht moov-Atom rekonstruieren.

Mit -err_detect ignore_err kann ffmpeg korrupte Pakete durchkopieren. Bei fehlendem moov gibt ffmpeg sofort auf — kein Reparatur-Pfad. Sehr gut für hev1↔hvc1 Tag-Konvertierung und Remuxing.

Verwandt → untrunc
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recover_mp4

Kommerzielles Tool von Grau GmbH — IT-Forensik-Goldstandard für MP4-Container-Reparatur.

Etwa 99 USD. Sehr robuste Container-Reparatur, aber keine Audio-Drift-Korrektur und antike UI. Wird oft in der digitalen Forensik eingesetzt. Für moderne Profi-Codecs nicht so spezialisiert wie Haven oder Aeroquartet.

Verwandt → untrunc

Aeroquartet Treasured

Concierge-Service mit menschlicher Reparatur. 49–700+ USD, 48–72h Turnaround.

Kein Software-Produkt — ein Service mit Diagnose-Frontend und manueller Reparatur in Barcelona. Hohe Erfolgsquote bei extremen Schäden, aber teuer, langsam und Cloud-Upload nötig.

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DiskDrill-Recovery

File-Carving-Tool für SD-Karten — rekonstruiert MP4-Files anhand von Datei-Signaturen.

DiskDrill scannt Sektoren nach ftyp-Signaturen und liest dann linear bis zur nächsten. Auf fragmentierten Karten kann das zu MP4-Files führen, deren uuid-Bytes aus anderen Sektoren gemischt sind. Reparatur solcher Files erfordert Profile-Verifikation via mdat-Frame-Struktur, nicht via uuid.

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CFexpress

Schneller Storage-Standard für Profi-Kameras (Canon R5, Sony FX9, Nikon Z9).

CFexpress Type A (Sony) und Type B (Canon, Nikon) nutzen NVMe-PCIe statt SATA. Theoretische Speeds bis 1700 MB/s, in der Praxis 800–1200 MB/s sustained. Bei 8K RAW oder XAVC-I 4K50p ist ein guter Type-B-Reader essenziell — billige Reader können bei 20+ GB-Files Datenfehler verursachen.

Verwandt → XAVC

Kategorie · 3 Einträge

Metadaten & Header

hvcC-Box

HEVC Configuration Box im MP4/MOV — enthält Codec-Parameter, NAL-Length-Size, SPS/PPS/VPS.

Die hvcC-Box ist die HEVC-Variante der avcC-Box (für H.264). Sie sitzt im moov und enthält profile_idc, level_idc, chroma_format, bit_depth, length_size_minus_one und die Arrays für SPS/PPS/VPS NAL-Units. Wenn auch nur ein Byte falsch ist, schlägt die Decoder-Initialisierung fehl — und du siehst nur ein schwarzes Bild.

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hev1 vs hvc1

Zwei HEVC-Container-Formate — entscheidet, ob SPS/PPS in der hvcC-Box oder im Bitstream sitzen.

Bei hvc1-Encodierung müssen alle Codec-Parameter ausschließlich in der hvcC-Box (out-of-band) stehen. Bei hev1 dürfen sie auch in-band im Bitstream sein. Wenn Tools zwischen den beiden Tags konvertieren, ohne die Parameter zwischen Box und Stream zu kopieren, ist das Resultat eine Datei mit leerer hvcC und schwarzer Wiedergabe.

uuid-Box

Erweiterungs-Box mit 128-Bit UUID-Identifier für kamera- oder hersteller-spezifische Metadaten.

Sony, Canon und andere Hersteller speichern hier proprietäre Daten wie Kamera-Modell, Aufnahme-Profile und Codec-Settings. Bei Sony XAVC sitzen an Byte 0x6e die Profile-Bytes: 7A 10 33 = 25p Class 240, 7A 10 34 = 50p Class 480. Bei DiskDrill-Recovery können diese Bytes aus benachbarten Sektoren gemischt sein und falsche Werte zeigen.

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Kategorie · 1 Einträge

Standards

ISO BMFF

ISO Base Media File Format — der Standard hinter MP4, MOV, M4V, 3GP und HEIC.

Spezifiziert in ISO/IEC 14496-12. Definiert die rekursive Box-Struktur (auch "Atom" genannt), die allen modernen Container-Formaten zugrunde liegt. MP4 (ISO/IEC 14496-14), MOV (Apple QuickTime), und M4A nutzen alle die gleiche Basis-Struktur — sie unterscheiden sich nur im Brand und den erlaubten Codecs.

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